{"id":21,"date":"2025-02-10T22:14:14","date_gmt":"2025-02-10T21:14:14","guid":{"rendered":"https:\/\/neu.wachstumimwandel.at\/?p=21"},"modified":"2025-02-10T22:15:28","modified_gmt":"2025-02-10T21:15:28","slug":"wie-kann-die-lebensqualitaet-erhalten-werden-ohne-wachstum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neu.wachstumimwandel.at\/?p=21","title":{"rendered":"Wie kann die Lebensqualit\u00e4t erhalten werden ohne Wachstum?\u00a0"},"content":{"rendered":"\n<p>In unserer Interviewreihe treffen wir heute mit Elisabeth \u201eSissy\u201c Freytag-Rigler vom Klimaschutzministerium eine der Gr\u00fcnderinnen von \u201eWachstum im Wandel\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat an der Wirtschaftsuniversit\u00e4t Wien studiert und wurde nach einer kurzen T\u00e4tigkeit in der Privatwirtschaft von Marilies Flemming ins Umweltministerium geholt. Nach Stationen in Br\u00fcssel und Budapest ist sie seit der erste EU-Pr\u00e4sidentschaft \u00d6sterreichs f\u00fcr den Bereich der Europapolitik zust\u00e4ndig. Heute ist sie als Abteilungsleiterin im Bundesministerium f\u00fcr Klimaschutz zust\u00e4ndig f\u00fcr Europa, bilaterale Angelegenheiten, EU-Erweiterungen, die Ukraine sowie Nachhaltigkeit auf europ\u00e4ischer Ebene. Sissy hat \u201evor Jahrzehnten\u201c das europ\u00e4ische Nachhaltigkeitsnetzwerk ESDN mitgegr\u00fcndet und ist dort immer noch im Vorstand aktiv. Au\u00dferdem hat sie nicht zuletzt \u201eWachstum im Wandel\u201c mitinitiiert \u00fcber mehr als 15 Jahre mitgetragen, in der \u00f6sterreichischen Verwaltung etabliert und sich daf\u00fcr engagiert, dass es eine entsprechende Finanzierung daf\u00fcr gibt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Interview f\u00fchrte Sophia Kratz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>___________________________________<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sophia:<\/strong>&nbsp;Liebe Sissy, Du bist ja von Anfang an dabei. Wie bist Du zu Wachstum im Wandel gekommen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sissy:<\/strong>&nbsp;Viele glauben, es ist ein Projekt der Finanz- und Wirtschaftskrise vor 15 Jahren. Aber das stimmt nicht. Wir haben schon vor 2008 damit begonnen, uns zu \u00fcberlegen: \u201eWarum glauben alle, dass man Wachstum braucht und warum kann eine Welt ohne Wachstum nicht funktionieren?\u201c So haben wir uns mit Konzepten wie \u201ePostwachstum\u201c auseinandergesetzt und gefragt: Wie kann die Lebensqualit\u00e4t erhalten werden ohne Wachstum? So sind wir mit der Zeit zu unserer Definition gekommen, die besagt, dass es letztlich darum geht, dass die Wirtschaft sozialvertr\u00e4glich, umweltvertr\u00e4glich und ressourcenschonend ist. Entscheidend ist also, sich der Konsequenzen bewusst zu sein. Ob die Wirtschaft w\u00e4chst oder nicht ist letztlich egal.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sophia:<\/strong>&nbsp;Du konntest es immer auch mit Deiner Arbeit im Ministerium verbinden?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sissy:<\/strong>&nbsp;Absolut! Ich hatte dabei auch eine sehr engagierte Mitarbeiterin, Rita Trattnigg, die das von Anfang an mit aufgebaut hat. Wir hatten immer auch finanzielle Ressourcen. Sehr fr\u00fch haben wir dann eine zweite Abteilung gesucht und gefunden, die das mit uns aufzieht. Meine Abteilung ist ja f\u00fcr Europa zust\u00e4ndig, die Abteilung von Martina Schuster hat die umwelt-\u00f6konomischen Zug\u00e4nge eingebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Da wir immer schon interministerielle Dialoge veranstaltet haben und gute Kontakte zu NGOs hatten, konnten wir diese nutzen, um eine Stakeholderplattform zu schaffen, die diesen Diskurs zum Thema Wachstum tr\u00e4gt. Dabei wurden wir auch in der politischen Hierarchie unterst\u00fctzt bzw. zumindest toleriert. Bei einer unserer Konferenzen haben drei Minister*innen gesprochen, die auch aus unterschiedlichen Parteien kamen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sophia:<\/strong>&nbsp;Was hat sich dabei in den jetzt schon mehr als 15 Jahren ver\u00e4ndert? Wie haben sich der Diskurs und die Zusammenarbeit \u00fcber diese Zeit entwickelt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sissy:<\/strong>&nbsp;Wichtig waren immer konkrete Anl\u00e4sse, vor allem&nbsp;die drei gro\u00dfen Konferenzen. Das waren sicher die Highlights. Da haben die Partner Committment gezeigt \u2013 inhaltlich, personell und auch finanziell. Damit haben wir dann auch jeweils einige hundert Menschen erreicht und dabei verschiedene neue Formate ausprobiert. So ist mit der Zeit eine relativ breite Community aus Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft entstanden, die sich trifft, Input bekommt und Input gibt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/wachstumimwandel.at\/wp-content\/uploads\/DSC01168-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-659\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Sophia<\/strong>: Was bedeutet Wachstum f\u00fcr Dich pers\u00f6nlich?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sissy:<\/strong>&nbsp;Wachstum hat ja ganz unterschiedliche Konnotationen. Ich als Mensch verbinde Wachstum nicht nur mit Wirtschaft. In meinem zweiten Leben bin ich ja G\u00e4rtnerin und sehe hier Wachstum als etwas sehr Positives. Wenn ich Samen in die Erde stecke, will ich, dass sie wachsen und bei Kindern w\u00fcnscht man sich auch, dass sie wachsen \u2013 aber halt nur bis zu einer gewissen Grenze.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wachstum ist also keineswegs grunds\u00e4tzlich negativ, hat positive, aber auch negative Konsequenzen und derer muss man sich bewusst sein. Das gilt auch f\u00fcr Unternehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sophia:<\/strong>&nbsp;Kannst Du das noch konkreter machen? Welches Wachstum ist gut? Welches ist negativ.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sissy:<\/strong>&nbsp;Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Nehmen wir die Autoindustrie als Beispiel. Wir wollen, dass Menschen zu Fu\u00df gehen, Fahrrade fahren, \u00f6ffentlichen Verkehr nutze und ausnahmsweise ein Auto ausborgen. Wenn es aber der Autoindustrie sehr schlecht geht, ist das auch nicht gut f\u00fcr die Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Und gerade da sieht man, wie wichtig Politik auch f\u00fcr die Industrie ist. So wie das derzeit l\u00e4uft, ist das auch nicht gut f\u00fcr die Wirtschaft. Zuerst hat man das Verbrenner-Aus beschlossen und dann sind manche Politiker (es waren tats\u00e4chlich keine Politikerinnen) gekommen und hat gesagt: \u201eVielleicht doch nicht\u201c. Wirtschaft braucht Rechtssicherheit, das ist wichtiger als die konkrete H\u00f6he eines Standards.<\/p>\n\n\n\n<p>Sozial\u00f6konomische Betriebe k\u00f6nnen Wachsen. Nat\u00fcrlich werden wir nicht wollen, dass mehr Atomkraft w\u00e4chst, aber wir werden immer Energie brauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was man definitiv braucht in einem Land, sind Arbeitspl\u00e4tze \u2013 abgesehen von einer gesunden Umwelt, der Klimaneutralit\u00e4t, der Natur.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir die Lebensqualit\u00e4t und unseren Lebensstandard halten wollen, werden wir Arbeit brauchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sophia:<\/strong>&nbsp;Was sagst du zu dem Narrativ: Wir brauchen Wachstum, um den Sozialstaat zu finanzieren?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sissy:<\/strong>&nbsp;Wir sind in einer Situation, in der es eigentlich kein Wachstum mehr gibt. Gleichzeitig gibt es einen gesellschaftlichen Konsens, dass wir eine soziale Grundversorgung&nbsp;brauchen. Dazu braucht es vielleicht nicht immer Wachstum, aber es braucht eine funktionierende Wirtschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in einem Land, das mitten in Europa liegt, ist der Wettbewerb ein gro\u00dfes Thema \u2013 innerhalb der EU und global. Da m\u00fcssen wir aufpassen, dass nicht unsere Wirtschaft unter die R\u00e4der kommt, weil wir h\u00f6here Umwelt- und Sozialstandards haben. Da kann die Konsequenz nicht sein, dass wir unsere Standards senken. Da muss die Konsequenz nur sein, dass wir unsere Standards erhalten und daf\u00fcr sorgen, dass die&nbsp;&nbsp;Standards auch anderswo hoch bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sophia:<\/strong>&nbsp;Was ist deine Vision f\u00fcr \u00d6sterreich und die EU in 10 Jahren? Wo stehen wir da, wie sieht die Welt aus, in der Du in 10 Jahren gerne leben m\u00f6chtest?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sissy:<\/strong>&nbsp;Die Welt ver\u00e4ndert sich nicht so schnell. Aber f\u00fcr 2050 w\u00fcrde ich mir w\u00fcnschen, dass wir klimaneutral sind \u2013 bilanziell nat\u00fcrlich. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass wir unsere Umweltstandards zumindest erhalten, ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass wir unsere Sozialstandards erhalten, ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass wir nicht so eine anlassgetriebene Politik machen wie zum Beispiel beim \u201eWolf\u201c. Jetzt kann man nat\u00fcrlich dar\u00fcber diskutieren, ob es zu viele oder zu wenig W\u00f6lfe gibt, aber der Anlass ist jetzt, dass man die ganze Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie aufmacht in der EU. Jetzt werden mit dem Wolf wahrscheinlich zehn andere Tiere ihren Schutzstandard verlieren. Und das ist keine gute Form der Politik. Aber ich w\u00fcrde mir schon auch w\u00fcnschen, dass wir 2050 wettbewerbsf\u00e4hig sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich pers\u00f6nlich nicht einsch\u00e4tzen kann, aber die Welt ganz stark ver\u00e4ndert, ist k\u00fcnstliche Intelligenz. Ganz viele Artikel schreibt Chat GPT. Das wird in 20 Jahren noch sehr viel mehr der Fall sein und ich denke, viele Arbeitspl\u00e4tze, die wir heute haben, wird man einfach nicht mehr brauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann m\u00fcssen wir uns \u00fcberlegen, ob wir eine Arbeitszeitverk\u00fcrzung brauchen, die wir aber nicht finanzieren k\u00f6nnen&nbsp;oder wir \u00fcberlegen uns, andere Arbeit f\u00fcr Menschen. Aber nicht alle Menschen, die jetzt am Computer sitzen, werden nachher Alte pflegen wollen. Ich w\u00fcrde mir aber schon eine Welt w\u00fcnschen mit einer guten Lebensqualit\u00e4t und da gibt es noch viel zu \u00fcberlegen, wie das konkret geht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sophia:<\/strong>&nbsp;Was haben wir mit \u201eWachstum im Wandel\u201c erreicht \u2013 wozu war das Ganze gut?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sissy:&nbsp;<\/strong>Ich glaube, dass wir in vielen Organisationen Bewusstsein geschaffen haben. Viele unserer Partner&nbsp;h\u00e4tten sich die Wachstumsfrage so nicht gestellt. Das waren Bundesl\u00e4nder wie Wien und Nieder\u00f6sterreich, das Wirtschaftsministerium, das Finanzministerium, das Bundeskanzleramt. Und dort geht die Diskussion weiter. Es ist gut, dass wir dabei auch Banken wie die \u00d6sterreichische Kontrollbank gehabt haben, wo die Nachhaltigkeit einen sehr hohen Stellenwert hat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sophia:<\/strong>&nbsp;Woran hat es andererseits gemangelt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sissy:&nbsp;<\/strong>Eine Kritik war sicher \u2013 gerade hier im Haus \u2013 dass wir zu wenig konkret waren. Es war unseren Hierarchien immer zu viel Diskurs und zu wenig Ergebnis. Aber mir ist es pers\u00f6nlich wichtig, dass Menschen aus Wirtschaft, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wissenschaft miteinander reden. Dass diese Diskussionen zu konkreten Ergebnissen f\u00fchren wollen wir aber nicht ausschlie\u00dfen, wir wissen es blo\u00df nicht im Detail ob der Diskurs die eine oder andere Entscheidung beeinflusst hat, aber ich hoffe es.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sophia:<\/strong>&nbsp;Vielen Dank f\u00fcr das spannende Gespr\u00e4ch und die Einblicke.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><sub>Fotos: F.Hinterberger<\/sub><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In unserer Interviewreihe treffen wir heute mit Elisabeth \u201eSissy\u201c Freytag-Rigler vom Klimaschutzministerium eine der Gr\u00fcnderinnen von \u201eWachstum im Wandel\u201c. Sie hat an der Wirtschaftsuniversit\u00e4t Wien studiert und wurde nach einer kurzen T\u00e4tigkeit in der Privatwirtschaft von Marilies Flemming ins Umweltministerium geholt. 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